Das Projekt konnte erfolgreich abgeschlossen werden.
Diese Seite wird nicht mehr aktualisiert und geht
Ende 2020 offline.

Sie finden diese Seiten
danach im Archiv der Seite neustrelitz-evangelisch.de

Geschichte


Alles eine Frage des Geldes?

Aus der Geschichte der Stadtkirche

In der 42-jährigen Regierungszeit von Herzog Adolf Friedrich IV., den der Volksmund Dörchläuchting nannte, entwickelte sich Neustrelitz immer mehr zur Residenzstadt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren der Markt und die Straßen weitgehend bebaut.
Das wichtigste Bauvorhaben war in dieser Zeit die Errichtung der Stadtkirche. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung wurde die Abhaltung des Gottesdienstes in der Schlosskapelle immer problematischer. Deshalb entschloss sich Adolf Friedrich IV. 1756 zur Trennung von Schloss- und Stadtgemeinde. Er berief am 20. November 1756 Andreas Gottlieb Masch zum ersten Stadtpfarrer. Bereits wenige Tage später erließ er eine Anordnung zum Bau einer Stadtkirche. Aber bis zur Umsetzung des Plans vergingen zwölf Jahre. Die Folgen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763), die sich auch auf die wirtschaftlichen Verhältnisse von Mecklenburg-Strelitz ungünstig auswirkten, und ständiger Geldmangel verhinderten den sofortigen Baubeginn. Erst 1766 konnte der Plan wieder aufgegriffen werden. Herzog Adolf Friedrich IV. stellte einen Betrag von 2 000 Talern aus einer Gerichtsbuße für den Bau zur Verfügung. Außerdem stiftete er Bauholz und Steine. Bis zur Verwirklichung des Vorhabens war es aber noch ein weiter Weg.

Stadtkirche am Markt
Kolorierte Federzeichnung von Wilfried Neumann, Neustrelitz
Erst am 29. Juli 1768 fand mit einer feierlichen Zeremonie die Grundsteinlegung statt. Den Bauplan für das Gotteshaus direkt am Markt hatte der Leibarzt des Herzogs Hofrat Dr. Johann Christian Wilhelm Verpoorten entworfen. Er war ein eifriger Kunstsammler und begeisterter Hobbyarchitekt. Die Leitung des Kirchenbaus wurde dem Bürgermeister Eggers übertragen. Zunächst ging es zügig voran, jedenfalls so lange das Geld reichte. Schon 1768 stockte der Bau erstmals wegen fehlender finanzieller Mittel. Dieser Zustand sollte sich in den folgenden zehn Jahren mehrfach wiederholen. Abhilfe versprach man sich von einer Lotterie. Doch der Erfolg blieb aus. Weil sich die Lose schlecht verkauften, übte die Landesregierung Druck aus. Jedermann wurde angewiesen Lose zu kaufen. Auch die Strelitzer Juden mussten 50 Lose erwerben. Stiftungen des Herzogs und zahlreiche Anleihen führten schließlich zur teilweisen Fertigstellung. Ein Meister und fünf Gesellen haben nach dem Chronisten Endler den Bau errichtet. 1777/78 erfolgte der Innenausbau. Simon Gehle, ein Neustrelitzer Bildhauer, führte die Schnitzarbeiten am Kanzelaltar aus. Die Kanzel stand damals zentral vor dem Altar. Gehle schuf auch die Figuren Glaube, Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit, die oberhalb des Altars auf der zweiten Empore ihren Platz bekamen.

Vor 50 Jahren: Fassadenrenovierung
Foto: FOTO JUNG, Neustrelitz
Am 4. November 1778 konnte die Kirche endlich feierlich eingeweiht werden. Inzwischen waren 22 Jahre seit Ankündigung des Neubaus und zehn Jahre nach Baubeginn vergangen. Aber die Kirche war noch lange nicht fertig. Der Außenputz fehlte und der Turm war erst in Ansätzen sichtbar. 50 Jahre sollten ins Land gehen ehe Großherzog Georg den Hofbaumeister Friedrich Wilhelm Buttel anwies den Turm zu vollenden. Nicht K. F. Schinkel, sondern F. W. Buttel hat ihn im Stil eines toskanischen Campanile erbaut. Allenfalls haben die Türme der nach Plänen von Schinkel in der Zeit von 1824-1830 erbauten Friedrichswerderschen Kirche in Berlin als Vorbild gedient. Schinkel mag auch Ratgeber gewesen sein, aber alle Baupläne stammen von Buttel. 1831, zum 52. Geburtstag von Großherzog Georg war das monumentale Werk endlich vollendet. Seine quadratische Form und die Säule mit dem vergoldeten Kreuz auf der Spitze erinnerten die Einwohnerschaft an ein zu ihrer Zeit gebräuchliches Fass zur Butterherstellung. Deshalb gab ihm der Volksmund auch den despektierlichen Namen „Dat Botterfat“. 1841 fand in dieser Kirche ein großes Ereignis statt. Am 10. Juni 1841 wurde hier die Mecklenburg-Strelitzer Prinzessin Caroline, Tochter des Großherzogs Georg, mit dem Kronprinzen von Dänemark vermählt. Die Ehe hielt nur etwas mehr als fünf Jahre.

1856, zum 100-jährigen Bestehen der Stadtgemeinde schenkte Großherzogin Marie der Gemeinde das von ihr nach Raffael kopierte Gemälde „Kreuztragung Christi“ als Altarbild für die Stadtkirche. Dadurch wurden umfangreiche Bauarbeiten notwendig. Die Kanzel musste seitlich versetzt werden. Auf der ersten Empore befindet sich noch heute die kleine Tür zur alten Kanzel.

Vor 50 Jahren: Fassadenrenovierung
Foto: FOTO JUNG, Neustrelitz
Seit 1779 hatte die Kirche auch eine kleine Orgel. Nur zehn Jahre später wurde sie ausgetauscht. 1789 bekam die Orgel aus der Klosterkirche Wanzka ihren Platz über dem Kanzelaltar. 1893 schenkte Großherzog Friedrich Wilhelm aus Anlass seiner Goldenen Hochzeit der Kirche eine neue prächtige Orgel aus der Werkstatt des Stettiner Orgelbaumeisters Carl Barnim Theodor Grüneberg. Den Prospekt stellte der hiesige Hoftischlermeister Bengelstorff her, Anstrich, Inschriften und Vergoldung stammen vom Maler Reinecke. Um sie in das Kirchenschiff einbauen zu können, waren erneut erhebliche Umbauten erforderlich. Ein Teil der umlaufenden zweiten Empore und die Fürstenloge gegenüber dem Altar mussten für das neue Instrument weichen. Am 28. Juni 1893 wurde die Orgel geweiht.

1913 erfolgten Ausbesserungsarbeiten am Turm. In der Kugel unter dem Kreuz wurde eine Urkunde vom 12. August 1831 gefunden. Darin heißt es u.a.:

„...Die Direction des Baues erhielt Hofmarschall von L’Estocq und der Hofbaumeister Buttel... Sämmtliche Steine sind auf der Radelandschen Ziegelei vom Ziegler Niclas geformt, die Säulenkapitäle vom hiesigen Töpfermeister Lange modelliert, geformt und gebrannt. Kugel und Kreuz hat der Kupferschmied Luffsmann, die eiserne Helmstange aber der Schmidt Rohde angefertigt. Im Sommer des Jahres 1828 begann der Bau. Im Jahre 1829 wurde die 1e und 2e Etage vollendet, im Jahre 1830 die 3e und 4e Etage und am heutigen Tage, als den Geburtstag Sr. Königl. Hoheit des regierenden Großherzogs, dieser Knopf und das Kreuz feierlich aufgesetzt. In diesem Jahre ist auch Anfang mit dem Abputz des Gemäuers der Kirche gemacht worden... Zu einer neuen Uhr hat der verstorbene Hofrath Tangatz ein Kapital von 500 M. ausgesetzt“.

Vor 50 Jahren: Fassadenrenovierung
Foto: FOTO JUNG, Neustrelitz
Die Urkunde trägt die Unterschriften von Carl von L’Estocq, dem Großherzoglich Mecklenburgischen Hofmarschall, und von dem Hofbaumeister Fr. Buttel. Sie wurde damals dem Großherzoglichen Hauptarchiv in Neustrelitz übergeben.

Im Straßenpflaster vor dem Kirchenhaupteingang an der Marktseite erinnert die Jahreszahl 1831 an die Fertigstellung des Turmbaus. Ohne Balustrade hat er eine Höhe von 45m, insgesamt ist er 52m hoch. Georg Krüger beschreibt 1921 die Stadtkirche in dem Nachschlagewerk „Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz“ u.a. wie folgt:
„Massiver, klassizistischer, ehemals farbiger Putzbau (blaßgrüner Sockel, rote Wandflächen, gelbe Pilasterglieder)“.

Ein besonderes Geschenk erhielt die Kirche zum Weihnachtsfest 1930. Die regionale Presse berichtete darüber Folgendes:

„Die jungen Damen des Kät(h)e-Luther-Bundes unter Leitung von Frl. M. Tolzien stifteten ein buntes Fenster, ein großes Lutherbild in Glasmalerei. Es zeigt Kopf und Brust des Reformators, der die Bibel in der Hand hält ... Das Fenster ist entworfen von dem jungen Kunstmaler Gerd Tolzien, hierselbst; es ist ausgeführt von der Firma Puhl-Wagner-Heinersdorff, Berlin-Treptow, Vereinigte Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei. Es soll am heiligen Abend von dem hiesigen Glasermeister Wrege eingesetzt werden, und zwar im hinteren Schiff der Kirche nach der Orgel zu an der Marktseite ...“

1935 waren abermals Veränderungen im Innern der Kirche vorgesehen. U.a. sollte unten und auf den Emporen die boxenartige Durchteilung des Gestühls beseitigt werden. Unter der Orgelempore wollte man die alte großherzogliche Loge entfernen. Vom Seiteneingang an der Sassenstraße, der früher der großherzoglichen Familie vorbehalten war, sollte der Gang geradezu in Richtung Altar führen. Dadurch wollte man bei Trauungen den Brautpaaren einen längeren Weg bis vor den Altar bieten.

1989 in der Stadtkirche
Foto: Dr. Beuther, Neustrelitz
Im Laufe der folgenden Jahrzehnte erfolgten immer wieder Ausbesserungsarbeiten an und in der Kirche sowie an der Orgel. Nach 1990 wurden umfangreiche Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt, wie z.B. Dacherneuerung, Heizungsumbau und Orgelsanierung.

Freiwillige Arbeiten und Spenden vieler Gemeindeglieder haben zu allen Zeiten zur Erhaltung dieses imposanten Gotteshauses beigetragen. Denn, schon immer war alles eine Frage des Geldes!

Harald Witzke

Quellen:
- Chronisten Dr. Endler, Konrad Hustaedt, Georg Krüger
- Berichte aus der Landeszeitung...
- Akten des Stadtarchivs und Stadtkirchenarchivs